Roboter im Hygiene-Einsatz

Intuitive Programmierung, einfache Bedienung und nachverfolgbare Leistungsdaten

sind Argumente, mit denen die Anbieter von Reinigungsrobotern werben. Neue

Hygiene-Maßstäbe im Handel und entsprechende Erwartungen der Konsumentinnen

und Konsumenten sorgen für zusätzliche Bewegung im Markt.

Bruno Reiferscheid

Die Corona-Pandemie hat das Thema Hygiene, Desinfektion und Reinigung im Handel mit zusätzlicher Bedeutung aufgeladen. So wurden beispielsweise während des Höhepunktes der Covid-19-Pandemie autonome Reinigungsroboter mit einer UV-C-Lichteinheit vorgestellt, die Oberflächen mit dem Einsatz eines leistungsstarken UV-C-Lichtes desinfizieren und von Viren und anderen Krankheitserregern befreien.

Doch Automatisierung und der Einsatz von Robotern in diesem Bereich erfuhren schon zuvor wachsende Aufmerksamkeit. Grund: Speziell die mit der Bodenreinigung verbundenen, sich täglich wiederholenden Arbeitsprozesse eignen sich hervorragend für den Einsatz von autonomen Maschinen. Anstatt den Boden reinigen zu müssen, kann das „echte Reinigungspersonal“, befreit von zeitraubenden Routineaufgaben, diese Stunden nun dafür nutzen, Türgriffe, Lichtschalter, Toilettenarmaturen und andere häufig berührte Oberflächen zu reinigen und zu desinfizieren.

KAMERAS, SENSOREN & SOFTWARE

Mit Blick auf den Handel stehen vor allem die Food- und DIY-Segmente im Fokus der Anbieter.

„Prinzipiell kann ein Roboter jedoch in jeder Teilbranche des Handels zum Einsatz kommen, vorausgesetzt, die Fläche ist nicht zu kleinteilig“, erklärt Rainer Kenter, Inhaber des gleichnamigen Unternehmens für Reinigungstechnik mit Sitz in Leipheim (Nähe Ulm).

Viele autonome Maschinen vereinen dabei eine bewährte Reinigungstechnologie mit Lösungen aus dem Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), wie man sie beispielsweise auch von selbstfahrenden Autos kennt. Das Zusammenspiel von Kameras, Sensoren und selbstlernender Software macht es möglich, dass man dem Reinigungsroboter nicht einmal den kompletten Weg vorgeben muss.  Bei manchen Modellen reicht es, die Konturen des

Gebäudes zu „mappen“. „Reinigungsroboter wie der ‚Nilfisk Liberty SC50‘ ermitteln automatisch die effizientesten Reinigungswege und folgen ihnen dann jedes Mal  zuverlässig. So können sie mehr Fläche in kürzerer  Zeit und zu geringeren Kosten reinigen – jeden Tag“,  erklärt Jan Martijn, Senior Product Manager Europe & Pacific bei Nilfisk, ein dänischer Spezialist für Reinigungsgeräte, der in Deutschland von Bellenberg (Bayern) aus agiert. „Die verantwortliche Person im Handel erhält sogar eine Nachricht auf das Smartphone, wenn die autonome Maschine ihre Arbeit erledigt hat und bereit für den nächsten Einsatz ist.“ Die Maschinen sind nicht nur in der Lage, komplette Ladenflächen professionell zu reinigen, sondern dabei auch um Kundinnen und Kunden, Einkaufswagen und Mitarbeitende  auf der Fläche herumzufahren. Warenträger mit  wechselndem Standort, zum Beispiel bei Aktionsflächen  im Lebensmittelhandel, sind ebenfalls kein Problem für Kollege Roboter. Wird ein Hindernis erkannt, das sich auf seinem Reinigungspfad befindet, berechnender Roboter automatisch einen sicheren Weg um das Hindernis herum, ohne anzuhalten oder langsamer zu fahren. Taucht plötzlich ein Hindernis auf, hält die autonome Maschine kurz an und berechnet einen sicheren Weg zum Umfahren des Hindernisses. Auch Laderampen, Stufen oder Rolltreppen werden erkannt. Je nach Anbieter wird eine Flächenabdeckung von bis zu 99,5 Prozent versprochen. Wie es heißt, verkürzt der technologische Fortschritt nicht zuletzt die „Anlernzeit“ der Roboter. Dabei gibt es verschiedene Methoden, den Roboter „zu schulen“. Bei „Teach and Repeat“ wird die Reinigungsroute zunächst manuell abgefahren. Der Roboter „merkt sich“ dabei die Route. Von den Mitarbeitenden im Handel kann diese anschließend jederzeit abgerufen und die autonome Maschine auf den Weg geschickt werden. Auch die Kombination mehrerer Routen ist machbar.

Bei „Autofill“ werden die Konturen eines Objektes abgefahren, und der Roboter errechnet die optimalen Routen automatisch. Der Einsatz Künstlicher Intelligenz sorgt für eine permanente Optimierung der Routen.

„Nicht sehr viel

komplexer als

ein Smartphone.“

STARKES WACHSTUM ERWARTET „Ist die zu reinigende Fläche dann gemappt, ist

die Bedienung für das verantwortliche Personal nicht sehr viel komplexer als der Umgang mit einem Smartphone“, so die These von Marktkenner Rainer Kenter. „Aktuell sind nur wenige autonome Reinigungsroboter im deutschen Handel im Einsatz. Aber schon mittelfristig werden es Tausende sein“, so Kenters Prognose. Eine der Folgen der immer ausgereifteren Lösungen: Die Reinigung per Roboter muss nicht mehr länger nach Ladenschluss erfolgen, sondern kann auch innerhalb der Öffnungszeiten stattfinden.

„Day-time-cleaning”, so Kenter weiter, „ist in Skandinavien oder Ländern wie Frankreich und Spanien durchaus Standard. Das liege an der vergleichsweise hohen Wertschätzung, die man dort den Themen Reinigung und Hygiene sowie dem damit betrauten Personal entgegenbringt. Technologisch führende autonome Reinigungsroboter würden jedoch auch hierzulande künftig tagsüber eingesetzt werden und das nicht nur, weil die Kundinnen und Kunden und deren Einkaufswagen für diese Maschinen keine Hindernisse mehr darstellen. „Der Handel muss sich, für die Kunden sichtbar, um hygienische Aspekte des Einkaufens kümmern. Das ist imagebildend“, formuliert Kenter. Zur Produktpalette von Kenter gehört deshalb auch der „Lionsbot“, ein Reinigungsroboter, der etwa beim Einsatz in einem Einkaufscenter sogar in der Lage ist, mit der Kundschaft zu interagieren und Kinder zum Lachen zu bringen. Die Botschaft: Der Einsatz von Technik kann auch Emotionen wecken, und Reinigung muss kein Igitt-Thema sein.

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